3. Die Methode der sozialen Segmentierung als Werkzeug einer sozio-kulturellen Medienbildungsforschung

Die bisherige Bearbeitung der Frage nach den Risikolernern ergab, dass Risikolerner vor allem mit sozial problematischen Lagen, Unterschicht und sozialer Benachteiligung zusammenhängen. Der Zugangsweg über Distanz zur Schule (siehe Kapitel 2.2.1) brachte dabei hervor, dass Risikolerner in dieser Perspektive nicht unbedingt einen Sozialschichtbezug haben. Die pädagogische Psychologie hat aber sehr deutlich ein problematisches Selbstkonzept und Fähigkeitskonzept in Bezug auf schulische Leistungen für Risikolerner aufgezeigt. Auf ein problematisches Selbstkonzept, besonders der Jungen in Bezug auf ihre mathematischen und naturwissenschaftlichen Schulleistungen, machten auch die PISA-Studien 2003 und 2006 aufmerksam (siehe Kapitel 2.3.2). Und bereits in diesem Kontext wurde deutlich, dass es einen Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Selbstkonzepten in der Schule gibt.

Noch deutlicher haben dies die PISA-Studien über den zweiten Zugangsweg zu Risikolernern gezeigt: Es gibt einen sehr deutlichen Zusammenhang zwischen sozio-kultureller Lage und Schulleistungen. In der Hauptschule kommen besonders viele soziale Problemlagen zusammen und verstärken insofern das schlechte Image dieser Schulart. Somit reproduziert sich an der Hauptschule:

  • das schlechte Image dieser Schulart und damit die schlechten Chancen der Hauptschüler auf dem Arbeitsmarkt,

  • die vergleichsweise schlechten Schulleistungen der Hauptschüler,

  • das Phänomen, dass besonders viele Kinder und Jugendliche aus sozialen Problemlagen die Hauptschule besuchen,

  • die überproportional hohe Zahl der Jungen.

Der theoretische Rahmen in Kapitel 1 hat Erlebnisrationalität und Alltagsästhetik als treibende Kräfte sozialer Strukturierung und als zentrale Orientierungsmöglichkeiten in der Welt herausgestellt. Dabei herrscht ständig eine Ambivalenz aus Chancen und Risiken in allen Bereichen des Lebens. Risikolerner hingegen trifft dieser Transformationsprozess wahrscheinlich besonders hart. An den Stellen, wo sie stabile Strukturen und wenigstens ein paar verlässliche Eckpunkte in ihrem Leben brauchen, trifft sie die Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses gerade am Übergang von der Schule in die Berufsausbildung und von der Ausbildung in ein hoffentlich festes Arbeitsverhältnis besonders hart. Dieser Transformationsprozess, der auf theoretischer Ebene (siehe Kapitel 1.2.5.3) zur Fragmentierung von Gesellschaft anhand alltagsästhetischer und innenorientierter Maßstäbe führt, stellt Risikolerner vor die Herausforderung, einerseits mit dem System Schule und andererseits in einer riskanten Erlebniswelt (Bachmair, 2009a) außerhalb der Schule zurechtzukommen. Für Jungen kommt hinzu, dass sich alte und traditionelle Männlichkeitsbilder aufgelöst haben und traditionelle Männlichkeit nun zu einer Wahloption unter vielen verschiedenen Männlichkeiten geworden ist. Die Bandbreite reicht hier vom Geld herbeischaffenden ‚Macho‘ bis zum Kinderwagen schiebenden ‚Weichei‘. Doch auch diese Männlichkeiten sind mittlerweile Teil von Lebensstilkonstruktionen geworden und unterliegen somit – wenigstens zum Teil – alltagsästhetischen Maßstäben.

Auf der Basis der Theorie der alltagsästhetischen Fragmentierung nach Gerhard Schulze (siehe Kapitel 1.2.5.3) gilt es daher nun, eine Methode zu entwickeln, um die Mediennutzungsmuster der Risikolerner systematisch zu erkunden. Es geht darum, soziale Ungleichheit, das kulturelle Muster der neuen Unterschicht, wie Lothar Mikos sie bezeichnete (siehe Kapitel 2.2), auf der Landkarte des sozialen Raums wiederzufinden. Nach wie vor steht auch im Zentrum, Risikolerner innerhalb der Struktur der Gesellschaft wiederzufinden und in Zahlen zu erfassen. Wie der theoretische Rahmen (Kapitel 1) zeigte, unterliegt aber diese gesellschaftliche Strukturierung der alltagsästhetischen Fragmentierung. Das Modell der gesellschaftlichen Milieus, wie es Gerhard Schulze vorlegte, ist daher eines der Grundmodelle der Sozialstrukturanalyse, das im weiteren Verlauf zur Anwendung kommt.

Das folgende Kapitel ist die Operationalisierung der systematischen Suche nach den Risikolernern auf der Grundlage der sozialen Milieus bzw. der sozialen Segmentierung. Hierzu ist es nötig, einige grundlegende Arbeiten zur sozialen Fragmentierung und Milieubildung zu betrachten. Dies stellt die Fortsetzung von Kapitel 1.2.5.3 dar, in dem die Grundprinzipien sozialer Fragmentierung dargestellt sind, jedoch die theoretische und empirisch-praktische Entstehung einzelner Milieus außen vor blieb.

Nachdem die Ausfächerungen und wesentlichen Tragweiten und Bedeutungen sozialer Milieus abgehandelt sind, folgt die systematische Bestimmung der Risikolerner anhand sozialer Segmentierung. Diese soziale Segmentierung oder Milieubildung stellt hier ein Werkzeug der Sozialstrukturanalyse dar. Ein zentrales Ergebnis dieses Abschnitts ist, dass es in Zentraleuropa ein fast durchgängiges Bild von Risikolernern gibt (Rummler, 2010a). Dies ist ein fast durchgängiger und einigermaßen kohärenter Lebensstil und möglicherweise genau das, was Lothar Mikos unter der kulturellen Haltung einer Unterschicht versteht (siehe Kapitel 1.2).

Nachdem auch die Grenzen und Probleme der Lebensstilforschung aus Sicht der Soziologie diskutiert wurden, folgt eine ganze Reihe an Themen, zu denen in den letzten Jahren Studien mit Bezug auf soziale Milieus entstanden sind. Im Anschluss daran folgt die Vorstellung der konkreten Daten, die für die Analyse der Mediennutzungsmuster der Risikolerner zur Anwendung kommen. Neben standardisierten Konsumdaten in Bezug auf soziale Milieus stehen nicht nur für die Analyse der Mediennutzungsmuster, sondern auch für die Beschreibung der Lebenswelt der Risikolerner umfangreiche Beschreibungen aus bisherigen Lebensweltstudien zur Verfügung.

3.1 Annäherung an eine sozio-kulturelle Medienbildungsforschung

Vor dem theoretischen Hintergrund der Medienbildung und der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Kindern und Jugendlichen zu sich und ihrer Außenwelt ist Lernen eine bedeutsame Form der Aneignung von Welt, insbesondere mit kulturellen Ressourcen wie dem Handy. Den Zugang zu Handys und mobilen, vernetzten Technologien als kulturelle Ressourcen eröffnete der theoretische Rahmen der Sozio-kulturellen Ökologie, der nahelegt, Lernen und Aneignung in den drei Bezugsfeldern kulturelle Praxis, technologische und soziale Strukturen und Handlungskompetenz der Individuen zu betrachten und zu diskutieren.

Von besonderem Interesse sind die Bildungschancen, die in der Aneignung mobiler Technologien für Risikolerner stecken. Da Mediennutzung und -aneignung im Alltag stattfindet und Teil der Lebenswelt ist, wurde es zudem nötig, einen aktuellen Begriff von Lebenswelt in der Form der Sozio-kulturellen Ökologie auszubreiten. Mit dem Begriff der sozialen Segmentierung und der sozialen Milieus liegt der zentrale Mechanismus vor, wie Mediennutzung, Konsum und letztlich Alltagsbewältigung vor dem Hintergrund alltagsästhetischer Orientierungsprozesse abläuft. Bildung ist in ihrem Kern die reflexive Auseinandersetzung und das reflexiv-orientierende Sich-Verbinden mit Welt. Bei dieser Aneignung von Welt hinterlassen Menschen Spuren im Sinne von Manifestationen menschlichen Geistes und gestalten dabei wiederum ihre Lebenswelt.

Aus methodischer Sicht gilt es nun, diesen Spuren der Mediennutzung bzw. diesen Hinterlassenschaften der Entäußerungen nachzuspüren, um den Aneignungsprozess und die darin inhärenten Bildungsprozesse zu rekonstruieren (Bachmair, 2009a, S. 320; Bachmair u. a., 2005; Marotzki & Stoetzer, 2006, S. 127). Da Aneignungsprozesse sich an den sozialen Milieus und den darin eingeschriebenen und praktizierten Lebensstilen orientieren, ist es unumgänglich, Aneignung und Artikulation vor dem Hintergrund dieser Lebensstile zu betrachten. Hierbei wird dann auch der Einbindung in gesellschaftliche Strukturen Rechnung getragen und gleichzeitig das bislang eher unklare Konstrukt der sozialen Benachteiligung, das für Risikolerner besonders relevant ist, operationalisiert.

Diese Art der sozio-kulturellen Medienbildungsforschung bedient sich hier standardisierter Konsumdaten, die in Bezug auf soziale Segmentierung aufbereitet sind. Diese Daten repräsentieren die Spuren der Mediennutzung und lassen damit die Rekonstruktion von Prozessen der Artikulation zu (vgl. Bachmair u. a., 2005). Im Detail ist dies eine strukturanalytische Rezeptionsforschung mit Fokus auf strukturellen Aspekten (Neumann-Braun, 2005, S. 60), wobei auf die von Neumann-Braun genannten prozessualen Aspekte hier nicht weiter eingegangen werden kann. Unter den strukturellen Aspekten fasst Neumann-Braun äußere Rahmenbedingungen der Medienrezeption sowie innere Rahmenbedingungen. Zusammengefasst versteht er unter den äußeren Rahmenbedingungen „allgemeine gesellschaftlich-kulturelle Gegebenheiten“ (ebenda) sowie die konkreten Rezeptionssituationen der Mediennutzung. Wichtig ist ihm hierbei die regelhafte „Ausbildung von Gewohnheiten und Ritualen“ (ebenda), wobei unklar bleibt, ob Neumann-Braun dies auf die Ausbildung individueller Rituale bezieht. Wahrscheinlich ist es an dieser Stelle legitim, auch von einer Art massenhafter bzw. kollektiver Ausbildung von Gewohnheiten auszugehen, da Mediennutzungsdaten dann genau diese Gewohnheiten für eine Vielzahl von Individuen abbilden würden. Unter inneren Rahmenbedingungen versteht Klaus Neumann-Braun kognitive Kompetenzen, den Wissensstand und die Bedürfnisstruktur der Rezipienten (ebenda). Konkreter sind dies z. B. die handlungsleitenden Themen der Kinder und Jugendlichen (Bachmair, 1984) sowie Abwehr- und Bewältigungskompetenzen für Identitätsaufbau und -bewahrung sowie zur Selbstverortung. Neumann-Braun expliziert in dieser Perspektive, dass das „gesellschaftliche Sinnsystem“ dem Rezipienten „kognitive, normative und ästhetische Kategorien zur Entwicklung eines Selbst- und Weltverständnisses“ zur Verfügung stellt (ebenda). Dies entspricht im Sinne der soziologischen und kulturwisssenschaftlichen Forschung den alltagsästhetischen Milieus und den damit zusammenhängenden Lebensstilen, vor deren Hintergrund die Auswahl, Rezeption und Bewertung von Medien abläuft. Strenggenommen kann man diesen Aspekt nicht klar von strukturellen Aspekten abkoppeln und eindeutig den inneren Rahmenbedingungen zuschreiben.

Die von Klaus Neumann-Braun angesprochenen prozessualen Rahmenbedingungen der Medienrezeption, die er in drei Phasen einteilt – die „Vorphase (soziale Einbettung der Rezeption), eine zweigliedrige Hauptphase (thematisch voreingenommenes Sinnverstehen und Rezeptionssteuerung) und eine zweigliedrige Nachphase (Aneignung und Vermittlung zwischen Medienangebot, Biographie und sozialer Lage sowie Folgekommunikation)“ (ebenda, S. 61) – sind mittels standardisierter Konsumdaten nur schwer zu erfassen. Zudem scheint eine solch eindeutige Trennung in Phasen der Medienrezeption nur schwer operationalisierbar angesichts der häufigen Gleichzeitigkeit der Mediennutzung. Gerade im Rahmen der Nutzung mobiler Technologien ist es sehr wahrscheinlich, dass Kinder und Jugendliche z. B. neben dem Fernsehen auch SMS schreiben und telefonieren oder dass im Hintergrund möglicherweise das Radio läuft, während sich Geschwister in der Familie gerade am eigenen Computer zu schaffen machen.

Das empirische Material für die Bearbeitung der Frage nach den Bildungschancen in den Mediennutzungsmustern der Risikolerner sind bereits erhobene und mehr oder weniger aufbereitete Daten. Sie stammen aus unterschiedlichen Erhebungen und Befragungen und liegen entweder als elaborierte Texte vor oder als systematische Zahlen wie im Fall der MDS VerbraucherAnalyse.

Folgende Quellen dienen der Auswertung und bilden Schritte der Auswertung:

 

1. Literaturbasierte Analyse Teil 1 (siehe Kapitel 4.1)

  • Jungenspezifische Mediennutzung, insbesondere Handynutzung (Döring, Hellwig, & Klimsa, 2005; Feierabend & Rathgeb, 2006, 2007, 2008, 2009; Geser, 2006b; Götzenbrucker, 2005; Ling, 2001; Vincent, 2004).

  • Mediennutzung, insbesondere Handynutzung, in Bezug auf Hauptschule (Feierabend & Rathgeb, 2006, 2007, 2008, 2009; Wagner, 2008) darin inbegriffen: Mediennutzung, insbesondere Handynutzung, sozial Benachteiligter (Kutscher u. a., 2009);

 2. Literaturbasierte Analyse Teil 2 (siehe Kapitel 4.2)

  • Analyse der Milieubeschreibungen in Bezug auf traditionelle Milieus (Barz, 2000, S. 70–72, 90f; Barz & Tippelt, 2004a, S. 127–139; Dannhardt & Nowak, 2007, S. 20f; Flaig, Meyer, & Ueltzhöffer, 1993, S. 63; Liebenwein, 2008, S. 180–197; Merkle & Wippermann, 2008, S. 161–163; Tippelt, Eckert, & Barz, 1996, S. 105; Tippelt, Reich, von Hippel, Barz, & Baum, 2008, S. 139; Tippelt, Weiland, Panyr, & Barz, 2003, S. 111–116; Vester, 2001, S. 42f, 92–94, 522–525, 540f; C. Wippermann & Calmbach, 2008, S. 209–234; C. Wippermann, Zarcos-Lamolda, & Krafeld, 2002, S. 23) und hedonistische Milieus (Barz, 2000, S. 79–81; Barz & Tippelt, 2004a, S. 155–167; Dannhardt & Nowak, 2007, S. 24f; Flaig u. a., 1993, S. 67f; Liebenwein, 2008, S. 220–240; Merkle & Wippermann, 2008, S. 73–75, 202–205; Sinus Sociovision GmbH, 2007, S. 114–124; Tippelt u. a., 1996, S. 109, 2008, S. 139, 2003, S. 120–124; Vester, 2001, S. 42, 98f, 521f; C. Wippermann & Calmbach, 2008, S. 280–308; C. Wippermann u. a., 2002, S. 24) (Risikolerner) zur Beschreibung und zum Verständnis der Lebenswelt;

  • Auswertung der MDS Online-Verbraucheranalyse in Bezug auf Risikolerner und deren Mediennutzung, insbesondere Handynutzung (MDS online, 2008, 2010);

Die Auswertung ist in zwei große Bereiche getrennt. Den ersten Teil bildet die Auswertung von jungenspezifischen Mediennutzungsdaten, insbesondere die Nutzung mobiler Technologien, sowie die Auswertung von Mediennutzungsdaten in Bezug auf Hauptschule bzw. benachteiligte Jugendliche. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Veröffentlichungen der JIM-Studien. Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (mpfs) führt seit 1999 die Studie Jugend – Information – Medien (JIM-Studie) durch. Für die JIM-Studien befragt der MPFS jährlich ca. 1000 Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren zu den Themenschwerpunkten Freizeitaktivitäten, Themeninteressen und Informationsquellen, Mediennutzung, TV-Präferenzen, Medienbesitz, Computer- und Internetnutzung, Einstellungen/Images zu Computer und Internet, Computer und Schule, Medienfunktionen, Handy und SMS sowie Medienbindung. Weitere Studien ergänzen diesen Bereich.

Der zweite Teil der Auswertung bezieht sich dann konkret auf die Mediennutzung der Jugendlichen und insbesondere der Jungen in Bezug auf soziale Milieus. Die Risikolerner sind besonders in den traditionellen, konsummaterialistischen und hedonistischen Milieus zu finden. Näheres dazu folgt in Kapitel 3.3. Die Analyse der Risikolerner-Milieus wertet umfangreiche Beschreibungen aus, die zu den beiden Milieus jeweils als Fließtext vorliegen. Diese Beschreibungen werden in Bezug auf Risikolerner zu einer kohärenten und geschlossenen Beschreibung verdichtet und dienen hauptsächlich der Beschreibung der Lebenswelt, der Wertorientierung und der Annahmen zu Bildung und Lernen der Risikolerner, da sie keine nennenswerten Mediennutzungsdaten enthalten. Die Risikolerner sind im Wesentlichen den zwei sozialen Segmenten Konsummaterialisten und Hedonisten zuzuordnen. In dieser Weise gliedert sich die Analyse und präsentiert jeweils als zweiten Bereich dann Mediennutzungsdaten, die aus der MDS VerbraucherAnalyse des Axel Springer Verlages stammen und online kostenlos zur Verfügung stehen. Diese Daten, zusammengefasst und als Fließtext verdichtet, bilden die Beschreibung der Mediennutzung der Risikolerner.

Daraus entstehen Beschreibungen der Risikolerner in Bezug auf zwei Milieus mit jeweils der Beschreibung der weitläufigeren Lebenswelt und der Wertorientierung sowie der Beschreibung der Mediennutzung. Zentrales Ergebnis dieser Beschreibung und Aufteilung ist, dass das Segment der Konsummaterialisten einen nur sehr geringen Anteil an den Jugendlichen ausmacht. Sie sind jedoch diejenigen, die am ehesten von sozialer Benachteiligung betroffen sind, und sind daher aus pädagogischer Sicht von besonderer Relevanz. Die weitaus größere Gruppe ist das Segment der Hedonisten, die sich vor allem durch aktives Risikohandeln auszeichnen und sich selbst eher an den Rand der Gesellschaft stellen. Für Pädagogik gilt es daher, Lebenswelt und Medienaneignung so zu erschließen, dass dieses alltagsästhetische Muster verstehbar wird und die spezifischen Medienbildungschancen, die in den Mediennutzungsmustern der Hedonisten stecken, zutage treten.

3.2 Ausgewählte Grundlagenforschungen zu sozialer Segmentierung – Lebensstile als zentrale Momente der Strukturierung und Orientierung

3.2.1 Soziale Segmentierung, Milieus und Lebensstile als Methode der Sozialstrukturforschung

Vor allem die Diskussionen um Unterschicht als kulturelle Haltung, soziale Benachteiligung und letztlich den Komplex der sozialen Ungleichheit machen deutlich, dass die Frage nach den Risikolernern auch eine Frage nach der sozialen Struktur der Bevölkerung ist. Es geht nach wie vor darum, Risikolerner innerhalb der Bevölkerung aufzufinden und zu verorten und zahlenmäßig zu erfassen. Der Blick in die Literatur der Soziologie und dort vor allem der Sozialstrukturforschung bietet seit den 1960er Jahren weitverbreitete Schichtmodelle an. Bereits die in den vorangegangenen Kapiteln verwendeten Begriffe wie soziale Lage und Unterschicht legen prinzipiell nahe, die gesellschaftliche Sozialstruktur in ein Oben und Unten einzuteilen. „In Schichtmodellen wird versucht, die Gesamtbevölkerung so zu gliedern, dass Gruppierungen mit ähnlicher Soziallage und damit verknüpften typischen Subkulturen und Lebenschancen entstehen“ (Geißler, 2008, S. 98).

Die Schichtenmodelle haben deutliche Schwächen, wenn es darum geht, die Differenziertheit aktueller Gesellschaft wiederzugeben. Dabei sei auf die Kritik an den Dienstklassenmodellen verwiesen, wie sie in den PISA-Studien verwendet wurden (siehe Kapitel 2.2.2.6). Geißler nennt darüber hinaus drei weitere analytische Begrenzungen solcher Schichtmodelle und folgert, dass das Modell der sozialen Milieus versucht, genau diese Begrenzungen zu überwinden:

  • Vertikalität: Schichtmodelle konzentrieren sich auf die traditionelle vertikale Dimension der sozialen Ungleichheit, auf Unterschiede nach Berufsposition, Qualifikation oder ökonomische Lage [sic] und blenden ’neue‘, ‚horizontale‘ Ungleichheiten – z. B. nach Geschlecht, Alter, Generation, privater Lebensform, Region oder Erwerbstätigkeit/Nichterwerbstätigkeit aus. Damit erfassen sie von der Multidimensionalität der modernen Ungleichheitsstruktur nur eine, allerdings eine zentrale Dimension – die vertikale.

  • Unzureichende kulturelle Vielfalt: Schichtmodelle erfassen nur unzureichend die zunehmende Vielfalt der Mentalitäten, Lebensstile, Milieus, Interessen, Subkulturen u. Ä., die vor den Schichtgrenzen nicht Halt macht. Dadurch werden Unterschiede in den Mentalitäten, Lebensstilen etc. innerhalb der Schichten zu wenig beachtet; dasselbe gilt für diesbezügliche Überlappungen und Gemeinsamkeiten zwischen den Schichten.

  • Männlich geprägtes Erwerbsmodell: Schichtmodelle sind sehr stark an der Erwerbswelt der Männer orientiert. Die Einstufung der Menschen erfolgt meist nach der Berufsposition des ‚Haushaltsvorstandes‘; Nichterwerbstätige, manchmal auch erwerbstätige Ehepartnerinnen, erhalten nur einen ‚abgeleiteten‘ Status, ihre spezifischen Lebensbedingungen werden dadurch nicht immer angemessen erfasst. Ehefrauen, insbesondere nichterwerbstätige Hausfrauen, werden häufig nach dem Berufsstatus ihres Ehepartners eingeordnet, Auszubildende und Studierende nach dem Status der Eltern, Nichterwerbstätige (Arbeitslose, Invaliden, Rentner) nach ihren früheren beruflichen Positionen.“ (ebenda, S. 103, Hervorhebungen im Original)

In der deutlichen Abgrenzung zu Schichtmodellen sind soziale Milieus und Lebensstile zu sehen. Rainer Geißler beschreibt den Unterschied zu Klassen- und Schichtmodellen damit, dass soziale Milieus und Lebensstile genau umgekehrt gebildet werden. Ausgangspunkt und Grundannahme ist hier die kulturelle Vielfalt mit ihren Wertorientierungen, Einstellungen, Verhaltensweisen, Geschmäckern und stilistischen Ausprägungen, die dann nach Mustern geordnet wird und, „wenn überhaupt“ (ebenda, S. 106), zusätzlich „mit den ‚objektiven‘ sozialstrukturellen Merkmalen“ (ebenda) verbunden wird. Diese Herangehensweise als Sozialstrukturanalyse ist deshalb so bedeutsam, da soziale Milieus in der praktischen Analyse auf ähnliche Weise gebildet werden, wie sie im Alltag entstehen. Ausgehend von einer nahezu unendlich erscheinenden Vielfalt an Individualisierung und Individualisierungsmöglichkeiten fügen sich diese scheinbar individuellen Praktiken und Geschmäcker wieder zu Fragmenten, Haufen, Clustern, Stilen oder Milieus zusammen. Der Berufsstatus oder das Einkommen spielen in dieser Perspektive zunächst keine Rolle. Das daraus entstehende Problem – zumindest aus der Sicht derjenigen, die eine mathematisch vollständige, exakte, eineindeutige, einander ausschließende Abbildung der Gesellschaft anstreben – ist die Unschärfe und sind die Überlappungen, die bei der Bildung der Milieus entstehen. Da es sich aber um Modelle handelt, deren Darstellung aufgrund ihrer jeweiligen Anforderungen immer begrenzt ist, kann man wahrscheinlich über diesen Mangel der Unschärfe an den Grenzen der jeweiligen sozialen Segmente hinwegsehen.

3.2.2 Dimensionen und Gemeinsamkeiten ausgewählter Milieumodelle und Lebensstiltypologien für die Bestimmung von Risikolernern

In den letzten 20 Jahren, besonders nach der Rezeption der Werke von Bourdieu und Schulze, sind mehrere unterschiedliche Milieu- und Lebensstilmodelle in der deutschsprachigen Wissenschaft entstanden. An dieser Stelle sei angemerkt, dass hier im Gegensatz zur Soziologie nicht zwischen Milieus und Lebensstilen unterschieden wird. Im Zentrum dieses Abschnitts stehen ausgewählte und aus der Perspektive der Soziologie und Kulturwissenschaft prägnante Modelle und deren Entstehung. Die Fragestellung ist hierbei, welche Kriterien für die jeweiligen Milieumodelle und Lebensstiltypologien im Vordergrund stehen und welche grafischen Repräsentationen daraus entstehen. Für alle Modelle ist das Konzept des sozialen Raums zentral und bedeutsam. Aus diesem Gedanken entsteht jeweils eine Art Landkarte und dementsprechend eine horizontale und eine vertikale Achse. Von Interesse ist dabei, welche Dimensionen diese Achsen darstellen und letztlich welche Gemeinsamkeiten diese Modelle aufweisen. Die wesentlichen Unterschiede zwischen einzelnen Modellen bestehen in der Frage nach der Bedeutung des Alters, des Bildungsniveaus, der Region des Wohnortes und der Berufe der Menschen für deren Verortung im sozialen Raum.

Das Ziel dieses Abschnitts ist die Diskussion verschiedener Modelle der Sozialstrukturanalyse, die im weiteren Sinne Lebensstile thematisieren, um den Begriff des Lebensstils in einen breiteren Zusammenhang einzuordnen und um ein viables Modell zur Bestimmung der Risikolerner zu synthetisieren bzw. zur Auswahl zu haben.

3.2.2.1 Alltagsästhetische Schemata und Milieus von Gerhard Schulze

Die Studien von Pierre Bourdieu zur Klassentheorie in Bezug auf Frankreich kann als grundlegend angesehen werden (1987). Bourdieu spannt in seinem Modell Gesellschaft in einem sozialen Raum auf, der aus zwei Achsen besteht. Auf der vertikalen Achse sieht er das gesamte Kapitalvolumen (ökonomisches und kulturelles Kapital) über das eine Person verfügt, wobei die unterschiedlichen Kapitalsorten mit Ressourcen im ökologischen Sinn vergleichbar sind. Auf der horizontalen Achse verteilt Bourdieu die Zusammensetzung des Kapitals in der Bandbreite von hohem kulturellem Kapital auf der linken Seite bis zu hohem ökonomischen Kapital, aber wenig kulturellem Kapital auf der rechten Seite. Nach Bourdieu entwickeln Menschen in Abhängigkeit von ihrer Lage im sozialen Raum einen bestimmten Klassenhabitus, der ihnen einerseits als Orientierung innerhalb des eigenen Feldes dient und andererseits zur Abgrenzung gegenüber anderen Menschen aus anderen Klassen.

Wie bereits in Kapitel 1.2.5.3 erläutert, hat Gerhard Schulze, auch als Reaktion auf die Arbeiten von Bourdieu, mit seinem Werk „Erlebnisgesellschaft“ (1992) ein Milieumodell präsentiert, das sich von Berufsgruppen löst. Die alltagsästhetischen Schemata, die er in seiner Studie aufdeckt, sind Resultate kollektiver und individueller Zuschreibungen dessen, was z. B. trivial, ernst, wertvoll oder kitschig ist. Schulze hat dabei drei wesentliche alltagsästhetische Schemata herausgearbeitet: das Hochkulturschema, das Trivialschema und das Spannungsschema. Diese Zuschreibungen von Eigenschaften machen einen zentralen Kern der Erlebnisorientierung aus. Die Innenorientierung, die an die Stelle außenorientierter, fester Bedeutungen der Welt getreten ist, stellt die individuelle Bedeutungszuschreibung ins Zentrum. Bei Turn- oder Laufschuhen steht der reine Funktionszusammenhang im Hintergrund. Der Schuh erfüllt nicht in erster Linie den Zweck, den Fuß zu wärmen und zu schützen und dazu einen bestimmten Komfort zu bieten. Vielmehr ist ein bestimmter Turnschuh einer bestimmten Marke mit einem bestimmten Erlebnis verbunden, das man sich selbst mit dem Schuh ‚dazukauft‘. Ein bestimmter Laufschuh – ob man nun mit ihm Sport betreibt oder nicht – bedeutet eine bestimmte Art der Sportlichkeit. In dieser Perspektive fasst Nicole Burzan Schulzes alltagsästhetische Schemata folgendermaßen zusammen:

„Mit einem Wort lässt sich das Hochkulturschema als ’schöngeistig‘ charakterisieren, schließt dabei aber eine gewisse Selbstironie ein. Auf der Genussebene ist die Kontemplation kennzeichnend. Dazu gehört auch eine Zurücknahme des Körpers, z. B. sind laute Heiterkeitsausbrüche verpönt. Auf der Distinktionsebene wählt Schulze die Kennzeichnung ‚anti-barbarisch‘, kulturelle Feindbilder sind insbesondere der Bier trinkende Viel-Fernseher oder der Bildzeitungsleser. Überspitzt gesagt, liest man zudem ein Buch oder besucht ein Museum nicht für den Genuss, sondern weil man etwas auf sich hält. Die Lebensphilosophie zeichnet sich durch eine relative Neutralität gegenüber Inhalten aus, es gibt eher eine Begeisterung für Perfektion.

Das Trivialschema wird häufig abfällig beurteilt, die Inkarnation dieser Vorstellung bildet der Gartenzwerg. Das hervorstechende Merkmal auf der Ebene des Genusses ist hier die Gemütlichkeit. Erlebnisse sollen nicht anstrengen, man ist eher auf der Suche nach dem Gewohnten. Hinsichtlich der Distinktion gab es lange eher eine Abgrenzung anderer von dem Trivialschema als eine eigene distinktive Position, die sich aber mittlerweile entwickelt hat, und zwar ist sie anti-exzentrisch. Die Lebensphilosophie des Schemas lautet Harmonie als Kultur der schönen Illusion (wie sie etwa Happy Ends in Erzählungen repräsentieren).

Das Spannungsschema schließlich ist das historisch jüngste Schema, für das Unruhe, Abwechslung und Bewegung typisch sind. Dies drückt sich auch auf der Genussebene als Suche nach Action, nach immer Neuem aus, der Körper wird dabei expressiv eingesetzt, z. B. in der Disco oder beim Sport. Die Distinktionsweise ist anti-konventionell, Feindbilder sind z. B. biedere Familienväter oder ‚Sonntagsfahrer‘. Die Lebensphilosophie ist hier schließlich eine des Narzissmus: Im Hochkulturschema wird das Ich an den Ansprüchen gemessen, im Trivialschema an der Ordnung, im Spannungsschema jedoch ist das Ich nur mit sich selbst konfrontiert. Der Maßstab ist hier die subjektiv erfolgreiche Unterhaltung oder Selbstverwirklichung.“ (Burzan, 2007, S. 111f)

Milieuspezifische Varianten der Erlebnisorientierung

Übersetzung in den dimensionalen Raum alltagsästhetischer Schemata (Stiltypen)

» + « bedeutet Nähe, » – « bedeutet Distanz

Hochkulturschema

Trivialschema

Spannungsschema

Streben nach Rang (Niveaumilieu)

+

Streben nach Konformität (Integrationsmilieu)

+

+

Streben nach Harmonie (Harmoniemilieu)

+

Streben nach Selbstverwirklichung (Selbstverwirk-lichungsmilieu)

+

+

Streben nach Stimulation (Unterhaltungsmilieu)

+

Abbildung 9: Alltagsästhetische Schemata und Milieus (Schulze, 1992, S. 165)

 

Den drei alltagsästhetischen Schemata ordnet Schulze fünf Grundmilieus zu. Für die Milieubildung allgemein ist wesentlich an Schulzes fünf Milieus, dass er sie entlang der Achsen Bildungsniveau und Alter bildet. Die Bildung der Milieus entlang der Alterslinie ist deshalb herausragend, da in diesem Modell automatisch eine soziale Mobilität angelegt ist. Demnach ‚durchschreiten‘ Menschen auch im Kontext ihrer Bildungskarriere bestimmte Milieus. Direkt daran sind bestimmte alltagsästhetische Schemata geknüpft, die mit bestimmten Lebenslagen zusammenhängen. So ist für Risikolerner, also Jugendliche und junge Erwachsene, die eher niedrigere Schularten durchlaufen, das Unterhaltungsmilieu bedeutsam.

Abbildung 10: Fünf Milieus in Abhängigkeit von Alter und Bildung (Schulze, 1992, S. 279)

 

3.2.2.2 Lebensstile Jugendlicher nach Jürgen Raithel

Der Ansatz der Lebensstile Jugendlicher von Jürgen Raithel wurde bereits in Kapitel 2.4.2.3 mit Bezug auf männliche Sozialisation und die Bedeutung der Körperlichkeit erwähnt. Er hat Meta-Lebensstile aus verschiedenen anderen Lebensstilmodellen und entsprechenden Studien herausgearbeitet, von denen hier bereits die Modelle von Georg und Schulze beschrieben wurden (Raithel, 2006, S. 282). An dieser Stelle ist es bedeutsam, dass Raithel diese Meta-Lebensstile in Abhängigkeit von Gender und dem Bildungsniveau erarbeiten konnte und dabei als Gemeinsamkeit der verglichenen Modelle folgende drei groben Lebensstile fand:

  • einen hedonistisch-actionbezogenen Lebensstil,

  • einen bildungsbeflissen-hochkulturellen Lebensstil und

  • einen konservativ, meist materialistisch kombinierten Lebensstil (ebenda).

 

  • „Der hedonistisch-actionbezogene Lebensstil ist in erster Linie durch erlebnis- und lustbezogene Verhaltensweisen und eine hedonistische Wertorientierung gekennzeichnet. Dieser Lebensstil ist vor allem unter Jungen und Jugendlichen niedrigeren Bildungsniveaus vorzufinden.

  • Gegensätzlich dazu ist der bildungsbeflissen-hochkulturelle Lebensstil, welcher sich durch kulturelle und kreative Tätigkeiten sowie politische Partizipation auszeichnet. In dieser Lebensstilgruppe finden sich überwiegend Mädchen und Gymnasiasten.

  • Der konservativ-materialistische Lebensstil vertritt eher die mittlere Bildungsschicht und ist noch am ehesten geschlechtsparitätisch. Besonders charakteristisch sind eine konservative und materialistische Orientierung.“ (ebenda, S. 282f)

Abbildung 11: Meta-Lebensstile Jugendlicher in ihrer primären strukturellen Lagerung nach Bildung und Geschlecht (Raithel, 2006, S. 283)

 

Raithel macht dabei auch deutlich, dass Lebensstile Jugendlicher sich an „vertikal-sozialstrukturellen Differenzen“ (ebenda, S. 283) festmachen und im Gegensatz zu den Aussagen mancher Lebensstilforscher eben gerade nicht auflösen, sondern sich entlang der Linie von Bildung und sozialer Herkunft manifestieren und sich in den Polen des hochkulturellen und des hedonistischen Lebensstils äußern (ebenda).

3.2.2.3 Veränderungen der Milieulandschaft in den letzten 50 Jahren

Einen schärfer formulierten Ansatz der Milieubildung verfolgte die Arbeitsgruppe Interdisziplinäre Sozialstrukturforschung (agis) der Universität Hannover unter der Leitung von Michael Vester (www.agis.uni-hannover.de). Wichtig an der Forschung Michael Vesters ist, dass er ausgehend von einem traditionellen Klassen- und Ständemodell die Veränderungsprozesse deutscher Gesellschaft seit 1950 beobachtete. So zeigte er, dass sich die starre Klassengesellschaft auflöste und es nur noch möglich ist, Gesellschaft mit dem strukturanalytischen Modell der Milieus zu beschreiben. Er hat aber dabei Herrschaftsstrukturen herausgearbeitet, die deutlich machen, wie sehr Milieus entlang von Bildung, Bildungsannahmen und der darüber ausgeübten Macht entstehen und sich verändern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 12: Soziale Milieus in Deutschland nach Vester (Von K.R. korrigierte Fassung nach Vester, 2006a, S. 12)

 

Das Milieumodell von Michael Vester, das in der Tradition des sozialen Raums nach Bourdieu argumentiert, ist entlang der Herrschaftsebene (vertikale Achse), aus sozialen Chancen, Wohlstand, Macht und Einfluss, und der Einstellung zu Autorität (horizontale Achse) aufgespannt. Horizontal sind „rechts die Milieus zugeordnet, die an Einordnung in traditionelle Autoritätshierarchien orientiert sind, links die Milieus, die auf eigene Arbeitsleistung, Bildungskapital und Autonomie setzen“ (Vester, 2006a, S. 12). Eines der Ergebnisse der Forschung Vesters ist, dass sich die große Landkarte der Milieus über die letzten 50 Jahre in Deutschland nicht grundlegend verändert hat. Die Grenzen der traditionellen Klassen sind dabei relativ statisch geblieben (in der Abbildung 12 als fette Linien gekennzeichnet). Die weitaus größeren Veränderungen, Bewegungen und Ausdifferenzierungen gab es innerhalb dieser Grenzen (ebenda). Als relativ statisch haben sich auch die Grenzen der Schichten auf der vertikalen Achse herausgestellt. Die oberen bürgerlichen Milieus grenzen sich nach unten durch „distinktive Lebensstile“ ab (ebenda). Die respektablen Volks- und Arbeitermilieus haben es durch eigene Leistung zu etwas gebracht und sind daher gegenüber „Privilegierungen, welche die Grundsätze der Leistungsgerechtigkeit und Statussicherung verletzen“, sensibel, was sich in Abgrenzung nach oben und nach unten äußert. Unterhalb der Trennlinie der Respektabilität sind die unterprivilegierten Volksmilieus, in denen sich „seit Generationen die Erfahrung sozialer Ohnmacht verfestigt“ hat (ebenda, S. 13). Die Angehörigen dieser Gruppen setzen „weniger auf planmäßige Lebensführung als auf die flexible Nutzung von Gelegenheiten und die Anlehnung an Stärkere“ (ebenda). In dieser Gruppe sind mit großer Wahrscheinlichkeit die Risikolerner zu suchen.

Nach Vester ist die Zugehörigkeit zu einem Milieu längst nicht nur eine individuelle Entscheidung oder abhängig vom Lebensstil allein. Er zeigt auf, wie sehr vor allem die oberen Milieus darauf achten, dass die Zahl der dortigen Milieumitglieder limitiert bleibt. Er macht hierfür die zahlreichen Übergangsentscheidungen innerhalb des Bildungssystems in Deutschland mitverantwortlich:

„Die Zahl der oben verfügbaren Plätze ist durch Politiken der ständischen ‚Schließung‘ gedrosselt. Der Zustrom der dafür ausgebildeten Bewerber wird durch die zeitliche Vorverlagerung der sozialen Selektion auf die frühen Lebensphasen gedrosselt“. (Vester, 2006b, S. 84)

Er beschreibt, dass Milieus wesentlich durch „die Erzeugung von Rangordnungen durch das Zusammenwirken von Distinktionskämpfen des Alltagslebens und Privilegierungen durch rechtlich-institutionelle Weichenstellungen“ (ebenda) geprägt sind. Einen Hinweis auf das tatsächliche Existieren solcher Mechanismen im Alltag geben möglicherweise Artikel in der Süddeutschen Zeitung und im Spiegel, die beschreiben, dass eine nicht unerhebliche Zahl an Schülern trotz Gymnasialempfehlung und entsprechender Noten auf die Real- oder Hauptschule geht und dort möglicherweise fehl am Platz bzw. falsch einsortiert ist – und dass dabei die Milieuzugehörigkeit der Eltern eine Rolle spielen könnte (Menke & Leffers, 2009; Schultz, 2009).

Die umfangreichen und komplexen Ergebnisse der langjährigen Studien von Michael Vester und seiner Arbeitsgruppe fließen auch in die spätere Analyse der Lebenswelten und Bildungskarrieren der Risikolerner ein.

3.2.2.4 Die Sinus- und SIGMA-Milieus als Datengrundlage

Das am weitesten verbreitete und älteste Milieu-Modell ist das Sinus-Modell des Heidelberger Forschungsinstituts Sinus Sociovision unter der Leitung von Bertold Bodo Flaig und Daniela Nowak. Das Marktforschungsunternehmen verwendet dieses Modell seit den späten 1970er Jahren und entwickelt es ständig weiter, modifiziert und ergänzt es gegebenenfalls. Das Sinus-Institut veröffentlichte entsprechende Landkarten des sozialen Raums nicht nur für Deutschland, sondern auch für einige andere zentraleuropäische Länder wie z. B. Großbritannien, Spanien, Österreich, die Schweiz, Frankreich und Italien. Außerhalb Europas kommen beispielsweise Landkarten für die USA, Russland und Japan hinzu. Die Ausrichtung des Unternehmens verdeutlicht auch, dass soziale Segmentierung nach Lebensstilen keine rein deutsche Erfindung oder mit Bourdieu auf Frankreich limitiert ist. Soziale Segmentierung als Folge von Individualisierung und Fragmentierung ist eine Erscheinung, die mittlerweile im Kontext von Globalisierung zu sehen ist, die auch vor sozialistischen Staaten wie China keinen Halt mehr macht. Die Sinus-Meta-Mileus für Westeuropa und die USA machen zudem deutlich, dass die Wertorientierung und die Verortung von Milieus für Zentraleuropa und die USA starke Gemeinsamkeiten aufweisen und sogar eine gemeinsame Milieulandkarte entstehen lassen.

Abbildung 13: Sinus-Meta-Milieus© in Westeuropa und Nordamerika (Sinus Sociovision GmbH, 2009, S. 22; zit. nach Pachler u. a., 2010, S. 21)

 

Die Achsen dieses Modells beschreiben vertikal die soziale Schichtung und horizontal die Wertorientierung. Die soziale Schichtung auf der vertikalen Achse basiert auf den Dimensionen Bildung, Beruf und Einkommen, die in Unter-, Mittel- und Oberschicht zusammengefasst sind. Die Wertorientierung bzw. der Modernisierungsgrad ist auf der horizontalen Achse abgebildet und fasst Dimensionen wie z. B. Lebensziele, Einstellungen zu Arbeit, Freizeit und Konsum, zu Familie und Partnerschaft, Zukunftsperspektiven und politische Grundüberzeugungen (siehe dazu auch die Zusammenfassungen von Burzan, 2007, S. 106; Geißler, 2008, S. 110; Otte, 2004, S. 60). Der Modernisierungsgrad reicht auf der linken Seite von traditionell im Sinne von Pflicht und Ordnung über Modernisierung im Sinne von Individualisierung und Selbstverwirklichung bis zur Reorientierung auf der ganz rechten Seite, die durch Multioptionalität, Experimentieren mit Lebensformen und durch Paradoxien geprägt ist.

Abbildung 14: Sinus-Milieus® in Deutschland 2009 (Sinus Sociovision GmbH, 2009, S. 13; zit. nach Pachler u. a., 2010, S. 218)

 

Auf der Landkarte der Sinus-Milieus 2009 kann man auf der eher traditionellen Seite zwischen Unter- und Mittelschicht das DDR-nostalgische Milieu erkennen. Dieses Milieu war das Ergebnis der Zusammenführung der west- und ostdeutschen Milieus zu einem gemeinsamen Milieumodell am Ende der 1990er Jahre und ist ein weiterer Hinweis, dass soziale Milieus in Ost- und Westdeutschland genau genommen unterschiedlich behandelt werden müssen, so wie es auch schon die anderen bisher diskutierten Modelle mehr oder weniger berücksichtigen. Aus diesem Konflikt, wie mit den ostdeutschen Milieus umzugehen sei, ist das zweite Marktforschungsinstitut in Deutschland entstanden, das soziale Milieus benutzt und grafisch abbildet. Das SIGMA-Institut in Mannheim, unter der Leitung von Jörg Ueltzhöffer und Carsten Ascheberg, benutzt in dieser Tradition für sein Milieumodell die gleichen Achsenbeschreibungen, lediglich die Bezeichnungen der Milieus und die Feinaufteilung weicht geringfügig von den Sinus-Milieus ab.

Abbildung 15: SIGMA-Milieus in Deutschland (Ascheberg, 2006, S. 20)

 

Für die Bearbeitung der Frage nach Risikolernern ist das untere Drittel der vertikalen Achse relevant. Auch hier ist innerhalb der Unterschicht wieder die Bezeichnung des hedonistischen Milieus auffallend.

Abbildung 16: SIGMA-Milieus in Europa 2004 (Ascheberg, 2005, S. 7)

 

Das SIGMA-Institut hat ähnlich wie das Sinus-Institut eine Landkarte der Milieus für Europa veröffentlicht. Interessant ist daran, dass hier das hedonistische Milieu als Counter Culture (Gegenkultur) bezeichnet wird, was wieder ein deutliches Licht auf Risikolerner wirft.

Die Sinus- und die SIGMA-Milieus gehören zu den wichtigsten Materialien und Grundlagen der Analyse der Mediennutzungsmuster der Risikolerner, da in Bezug auf diese beiden Milieus zahlreiche Untersuchungsergebnisse vorliegen. So war z. B. das SIGMA-Milieumodell die Grundlage für das Modell von Michael Vester, und das SINUS-Institut lieferte Daten zu den Studien von Gerhard Schulze.

3.2.2.5 Der gemeinsame Nenner der Milieus: Lebensführungstypen nach Gunnar Otte

Der Kultursoziologe Gunnar Otte verfolgte das Ziel, aus den zuvor vorgestellten Lebensstil- und Milieumodellen ein neues, übergreifendes und allgemeingültiges Modell zu entwerfen (2004). Dabei entfernt er sich von den Begrifflichkeiten der Milieus, Lebensstilgruppen und Lebensstiltypologien und schlägt stattdessen den Begriff der Lebensführungstypologie vor, da dieser eine „Komponente latenter Wertorientierungen und die Komponente des manifesten Lebensstils“ umfasst (ebenda, S. 57). Lebensführung versteht Gunnar Otte „als ein Produkt“ (ebenda, S. 58) und als Prozess (ebenda, S. 89) „der subjektiven Verarbeitung objektiver Lebensbedingungen, der sozialen Lage eines Individuums“ (ebenda, S. 58).

Abbildung 17: Anordnung von neun Lebensführungstypen im Modell des sozialen Raumes (Otte, 2004, S. 78)

 

Gunnar Otte entwickelt seine Lebensführungstypen in einer eher rekonstruktiven Weise aus der Genese und aus dem Nachvollzug vorangegangener Lebensstilmodelle, insbesondere mit Bezug auf Spellerberg, Georg, Schulze, Vester und die Sinus-Milieus, und dies vor allem aus der Kritik an der mangelnden Durchschaubarkeit der Entstehung der jeweiligen Milieus.

Die vertikale Achse seines Modells beschreibt mit dem Begriff des Ausstattungsniveaus die „Ebene des manifesten Lebensstils“ und ist „in ‚gehobene‘, ‚mittlere‘ und ’niedrige‘ Konsumgüterausstattungen und Kulturpraktiken unterteilt. Die korrespondierenden Wertorientierungen können als gehoben-anspruchsvoll, respektabel-strebend und kalkulierend-bescheiden bezeichnet werden“ (ebenda, S. 76f). Für die Konzeption der Typenbildung betont Otte, dass seine ‚Milieus‘ „spezifische Arten der Lebensführung“ (ebenda, S. 76) sind, die nicht direkt an der sozialen Lage orientiert sind, jedoch in wechselseitiger Abhängigkeit zu ihr stehen (ebenda, S. 90). Insofern bedeutet für ihn „Lebensführung nicht die Ausstattung mit verfügbaren Ressourcen, sondern die Ausstattung mit den durch die Ressourcenverwendung produzierten Objekten und Aktivitäten und den homologen Wertorientierungen“ (ebenda, S. 77). Auf der horizontalen Achse beschreibt dieses Modell die „Dimension der Modernität und der biographischen Perspektive gleichermaßen“ (ebenda). „Aus einer kohortenspezifischen Perspektive lassen sich ‚traditionale‘, ‚teilmoderne‘ und ‚moderne‘ Formen der Lebensführung unterscheiden“ (ebenda).

„Aus einer biographischen Perspektive unterscheiden sich Lebensführungstypen mit einer lebenszyklisch ‚offenen‘, ungebundenen, innovationsfreudigen Weitsicht und einem erlebnisorientierten Alltagsverhalten; solche mit einer biographisch ‚konsolidierten‘ Lebensführung, geprägt durch Familienleben, berufliche Karriere und die Zunahme von Alltagsroutinen; und solche mit einer durch Lebenserfahrung und vergangene Investitionen etablierten, relativ ‚geschlossenen‘ Lebensführung.“ (ebenda)

Otte beschreibt in seiner rekonstruktiven Herangehensweise, wie sein Modell und letztlich auch z. B. das Sinus-Modell zustandekommen. Generell geht es um eine grafische Repräsentation des sozialen Raums, was prinzipiell die Verwendung von zwei Achsen, also zwei Dimensionen, nahelegt. Des Weiteren sollte eine Typologie eine ‚mittlere‘ Anzahl von Typen umfassen, wobei er erklärt, dass fünf oder sechs Typen eine zu grobe Einteilung der Bevölkerung wären. Im Gegensatz dazu hält er eine Anzahl von über zwölf Typen für unübersichtlich (ebenda, S. 75) und schlägt daher neun Typen als guten „Kompromiss zwischen Differenziertheit und Anschaulichkeit“ vor (ebenda, S. 76).

„Wenn jede Achse in drei Kategorien differenziert wird und die zwei Achsen kreuztabelliert werden, ergibt sich mit neun Typen ein akzeptabler Segmentierungsgrad eines zweidimensional dargestellten sozialen Raumes.

Natürlich müssen die Dimensionen nicht zwangsläufig kreuztabelliert werden und jeweils drei Kategorien aufweisen. Genauso wenig muss jeder derart entstandene Typus theoretisch und empirisch gehaltvoll sein […]. Eine Dreiteilung beider Dimensionen erscheint aber sinnvoll, weil die Konstruktion einfacher Dichotomien umgangen und die Erfassung verschiedener ‚Mischtypen‘ ermöglicht wird.“ (ebenda)

Mit dieser Beschreibung der Aufteilung und des Zustandekommens der grafischen Repräsentation der Typologie der Lebensführungsstile macht Otte deutlich, dass die Milieubildung tendenziell willkürlich ist (ebenda, S. 138). Seine rekonstruktive Herangehensweise lässt aber die gleichen Rückschlüsse auf die Sinus- und SIGMA-Milieus zu. So sind auch hier die beiden Achsen jeweils dreigeteilt, wodurch der soziale Raum in prinzipiell neun Typen zu denken ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 18: Kulturelle Milieus der Lebensführung als soziale Systeme (Otte, 2004, S. 96)

 

Das Modell von Gunnar Otte beschreibt in seiner rekonstruktiven Eigenschaft nicht nur die konkreten Sinus- und SIGMA-Milieus, sondern ist auch in der Lage, die Transformationsprozesse und Machtkonstellationen innerhalb der Klassenmilieus nach Michael Vester nachzuvollziehen. Aufgrund der Parallelisierbarkeit der Milieumodelle (vgl. Otte, 2004, S. 177; Schulze, 1992, S. 283 u. 569) ist es für Otte legitim, die Milieubeschreibungen der Sinus- und SIGMA-Milieus in das Raster der neun Typen einzupassen und gleichzeitig mit dem Begriff der kulturellen Milieus die Makroebene der Gesellschaft abzubilden (ebenda, S. 94ff).

3.2.3 Grenzen der Lebensstilforschung und der Lebensstilmodelle

Gunnar Otte hat seine Typen der Lebensführung aus der Kritik an den Milieumodellen und der Lebensstilforschung entwickelt. Seine methodologisch-methodische Kritik an der Lebensstilforschung bezieht sich im Wesentlichen auf vier Kritikpunkte. Gleichwohl er sich selbst – ebenso wie Spellerberg und Schulze – auf die Parallelisierbarkeit von Lebensstilmodellen beruft, hebt Otte die mangelnde Vergleichbarkeit von Lebensstiltypologien hervor (2005, S. 24): Obwohl viele der Modelle und Typologien

„bemerkenswerte Übereinstimmungen aufweisen, […] mangelt es ihnen an direkter Vergleichbarkeit im Sinne identischer Typenkonstruktionen. […] Dabei treten folgende Probleme auf: a) Die Typen sind in verschiedenen Studien unterschiedlich stark (in Untertypen) differenziert; b) neben übereinstimmenden Typen gibt es solche, die sich in eine andere Typologie nicht problemlos einordnen lassen; c) die Besetzungsstärke inhaltlich vergleichbarer Typen ist erheblichen Variationen unterworfen; d) in Folge unscharfer Typenbeschreibungen treten intersubjektive Inkonsistenzen bei den Parallelisierungen auf.“ (Otte, 2004, S. 43)

Weiterhin kritisiert er den fraglichen „Realitätsgehalt einzelner Lebensstiltypen“, da viele der Typologien „als Ganzes oder in einzelnen Typen für den Rezipienten nicht „lebensnah genug“ seien (ebenda).

Seine Kritik bezieht er auch auf eine Theoriearmut der Typologien.

„Selten werden Typologien in übergreifende theoretische Modelle eingebettet, selten findet eine Rückbindung an andere Konzepte statt. […] Das Gros der Lebensstilstudien bringt eine theoriearme Deskription sozialer Unterschiede im Freizeitverhalten oder alltagsästhetischen Geschmack hervor, ohne eine ertragreiche Sozialstrukturanalyse zu leisten“ (Otte, 2005, S. 25)

Eine Kritik, die sich weniger auf die Typologien selbst als auf den den forschungsökonomischen Aufwand bezieht, betrifft den Erhebungsaufwand:

„Im Vergleich mit konventionellen Sozialstrukturkonzepten sind Lebensstilansätze mit einem vielfach größeren Aufwand bei der Erhebung der zugrunde liegenden Variablen verbunden. Der ‚Milieu-Indikator‘ des Sinus-Instituts beruht auf einer Statement-Batterie mit knapp 50 Items; im Wohlfahrtssurvey 1993 werden Lebensstile in Form von elf Fragebatterien mit 132 Items erhoben (Spellerberg 1996). Die Heranziehung von etwa 40 bis 50 Variablen kann für die Konstruktion der gängigen Typologien als Minimum gelten. Lebensstile sind damit ausgesprochen zeitintensive und teure Instrumente.“ (ebenda)

Die Kritik Gunnar Ottes am Konzept der Lebensstilforschung muss man in der Perspektive der Soziologie und in der Perspektive statistisch-mathematischer Kriterien betrachten. Die genannten Kritikpunkte gelten sicherlich auch für dieses Projekt: Umfangreiche Milieubeschreibungen verdeutlichen zwar die Lebensstilperspektive eines Milieus; ob sie aber das jeweilige Milieu vollständig beschreiben und erklären ist zweifelhaft. Ebenso zweifelhaft bleibt dabei auch das Entstehen dieser Beschreibungen, da z. B. „das Sinus-Institut methodische Einzelheiten aus kommerziellen Gründen als Betriebsgeheimnis hütet“ (Geißler, 2008, S. 110).

Eine allgemeinere Kritik an der Einordnung der Lebensstilforschung übt Rainer Geißler. So ordnet er die Milieu- und Lebensstilforschung zunächst wie folgt in die Sozialstrukturanalyse in der Perspektive der Soziologie ein:

  • Unter der Vereinheitlichung der Lebensbedingungen beschreibt er, dass der Abstand der unteren Schichten zu den mittleren und oberen Schichten in den letzten Jahrzehnten wesentlich geringer wurde. „Frühere Statussymbole haben ihre unterscheidende Kraft verloren, weil sie heute nahezu allen zugänglich sind“ (Geißler, 2008, S. 114). Hierunter fasst Geißler auch Alltagsgegenstände wie Kühlschränke, Farbfernseher, Autos und Urlaubsreisen, die heute eher einer wesentlich breiteren Masse zugänglich sind als Jahrzehnte zuvor. Dennoch muss man hier anmerken, dass der Zugang zu Dingen wie Urlaubsreisen, Autos oder Fernsehern und Spielkonsolen im Alltag die Unterschicht teilweise sogar kennzeichnen (ebenda).

  • Differenzierung und Diversifizierung der Soziallagen: Nachdem vertikale Klassen, Schichtungen und Ungleichheiten in den vergangenen Jahrzehnten an Bedeutung verloren haben, geraten „horizontale“ bzw. „neue“ Ungleichheiten in den Fokus der Aufmerksamkeit. Solche „horizontalen Disparitäten“ beziehen sich nun auf „Geschlecht, Alter, Region, Familienverhältnisse (z. B. Kinderzahl, Doppelverdiener, Alleinerziehende, Scheidungen), Generation (z. B. Zugehörigkeit zu den benachteiligten geburtenstarken Jahrgängen), aber auch Teilhabe an den wohlfahrtsstaatlichen Umverteilungen bzw. Betroffenheit von sozialen Lasten“ (ebenda).

  • Unter dem Stichwort der Auflösung schichttypischer Subkulturen erklärt Geißler mit Bezug auf Ulrich Beck, dass durch besagte „Tendenzen zur Homogenisierung und Diversifizierung der Lebensbedingungen“ die „Herausbildung schichttypischer Milieus“ verhindert werde (ebenda). Historisch hat dies aber genau zur Fragmentierung und sozialen Segmentierung der Gesellschaft geführt. Dies macht wiederum die Uneindeutigkeit der sozialen Milieus, wie sie methodologisch Gunnar Otte kritisiert, deutlich.

  • Damit einher gehen eine „Pluralisierung bzw. Individualisierung von Milieus und Lebensstilen, verbunden mit ihrer Entkopplung von den objektiven Lebensbedingungen“, die „Entschichtung der Lebenswelt“, in der Klassen und Schichten immer mehr aus der Lebenswelt des Menschen verschwinden und „im Alltag immer weniger wahrgenommen“ werden (ebenda). Dies hat eine „Pluralisierung der Konfliktlinien“ zur Folge, da soziale und politische Konflikte immer weniger an Klassen und Schichten gebunden sind, sondern von Menschen „aus verschiedenen Soziallagen zu wechselnden situations- und themenspezifischen Interessenkoalitionen“ ausgetragen werden (ebenda). Michael Vester hat in seinen Studien gezeigt, wie latent diese Konfliktlinien immer noch vorhanden sind, und dass sich diese Transformation nicht abrupt vollzieht, sondern fließend verschwimmt.

Obwohl sich Schichten und Klassen prinzipiell aufgelöst haben, gibt es immer noch „schichttypische Lebenschancen und Risiken“, die sich auf sozialen Aufstieg, hohe Erbschaften, politische Teilhabe, Bildung, Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Mediennutzung im Sinne des Digital Divide beziehen (ebenda, S. 116).

Die Frage nach den Bildungschancen, die in den Mediennutzungsmustern der Risikolerner stecken, ist eine medienpädagogische Frage, die sich in die Wissenschaftsdisziplin der Erziehungswissenschaft einordnet. Die Sozialstrukturanalyse der Soziologie dient hier als methodischer Zugang, um Risikolerner zu identifizieren und um mithilfe der sozialen Segmentierung entsprechende Forschungsergebnisse in Bezug auf Mediennutzung und Alltagsbewältigung zu analysieren. Mit den Worten Rainer Geißlers ist dies eine „postmoderne, normativ unverbindliche Vielfaltsforschung“ (ebenda, S. 119), die die Unschärfen der Datenerhebungen und der Milieubildung zur Kenntnis nimmt.

3.2.4 Weitere Forschungen zu sozialer Segmentierung im Rahmen der Medien- und Erziehungswissenschaft

Mit den Daten der SIGMA- und Sinus-Forschung wurden in den letzten Jahren eine Reihe von Studien und Berichten zu verschiedenen Bereichen veröffentlicht. So waren diese Daten zu sozialer Segmentierung die Grundlage verschiedener Studien im Rahmen der Medien- und Erziehungswissenschaft. In 2006 hat der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest die KIM-Studie in Bezug auf die 6- bis 13-Jährigen – meist Grundschüler – erstmals auf der Grundlage der Sinus-Milieus durchgeführt (Feierabend & Klingler, 2007). Die Studie „Wie ticken Jugendliche“ (C. Wippermann & Calmbach, 2008) beschäftigt sich erstmals mit jugendlichen Lebenswelten in Bezug auf soziale Segmentierung (siehe dazu Kapitel 4.2). In weiteren relevanten Studien mit Bezug auf soziale Segmentierung, Bildung und Medien geht es um Erziehungsstile von Eltern (Liebenwein, 2008; Panyr, 2006), um die veränderte Lebenswelt der Eltern sowie entsprechende Beratungsmöglichkeiten (Merkle & Wippermann, 2008; Sinus Sociovision GmbH, 2003), Fernsehnutzung und Internetnutzung (Blödorn & Gerhards, 2004; Blödorn, Gerhards, & Klingler, 2006; Dannhardt & Nowak, 2007; B. Engel & Windgasse, 2005; Gerhards, Grajczyk, & Klingler, 2001; Gerhards & Klingler, 2003; Klingler & Neuwöhner, 2003; Kuchenbuch, 2003), Migration (Sinus Sociovision GmbH, 2007), Mediennutzung allgemein (Haas, 2007), speziell Internet (Lycos Europe GmbH, 2002), Gleichstellung von Frauen und Männern (C. Wippermann & Wippermann, 2007a; K. Wippermann & Wippermann, 2007) sowie Büchermarkt und Lesen (Kochhan & Schengbier, 2007; C. Wippermann & Wippermann, 2007b). Zum Thema e-Learning haben Barbara Brauchle und Anke Grotlüschen an der Universität Hamburg das Projekt ICC Bridge to the Market von 2002 bis 2005 mit Blick auf die Sinus-Milieus durchgeführt (Grotlüschen, 2006; Grotlüschen & Brauchle, 2004). Eine der ersten viel beachteten Milieustudien entstand in Bezug auf Wahlverhalten und politische Zugehörigkeit und wurde später von der Forschungsgruppe Wahlen des SIGMA-Instituts und mit breiterem Bezug auch von der Friedrich-Ebert-Stiftung weitergeführt (Flaig u. a., 1993; Müller-Hilmer & Koschützke, 2006; Neugebauer, 2007).

In Bezug auf Weiterbildung Erwachsener haben Helmut Bremer, Rudolf Tippelt und Heiner Barz, zusammen mit dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE), tiefe und detaillierte Einblicke in die Annahmen über Bildung und Lernen der jeweiligen Milieus geliefert und dabei wichtige Hinweise zur milieuspezifischen Didaktik und Vermarktung von Weiterbildungsangeboten formuliert (Barz, 2000, 2006; Barz & Tippelt, 2004a, 2004b; Bremer, 2007; Bremer & Lange-Vester, 2006; Tippelt u. a., 1996, 2008, 2003). Diese Studien sind eine der wichtigsten Grundlagen der Analyse in Kapitel 4.2.

Nicht weiter ausgeführt in Bezug auf die sozialen Milieus seien hier die Bereiche der Beteiligung spezifischer Milieus an katholisch-kirchlichen Angeboten, unter diesem Gesichtspunkt entstand auch die Jugendstudie U21, sowie die Forschung zu rechtsradikalen Jugendlichen (vgl. bspw. C. Wippermann u. a., 2002).

Daneben gibt es weitere Produktbereiche, zu denen Nutzungsstudien in Bezug auf soziale Segmentierung vorliegen, z. B. der schweizerische Automobilmarkt, Kleidung, Öko-Produkte oder Umgang mit Geld und Finanzen (Kassow, 2005; Sinus Sociovision GmbH, 2004).

Ein eher neuer Ansatz ist es, die Daten zur sozialen Segmentierung mit geografischen Daten zu verbinden, um damit Aussagen zu bestimmten Stadtteilen oder sogar einzelnen, identifizierbaren Haushalten zu machen. Dieser Ansatz der sogenannten MOSAIC-Segmente von microm in Neuss ist derzeit für die Immobilienwirtschaft, aber auch für Stadtplanung bei der Frage relevant, wie sich Siedlungen und Stadtviertel in den nächsten Jahren verändern werden (siehe dazu http://www.microm-online.de). Hierbei werden Gebiete und Regionen deutlich, die von bestimmten sozialen Segmenten bewohnt werden. Dieser Trend könnte durchaus bedenklich sein, da mit dieser Bewertung auch langfristige ökonomische Auf- oder Abwertungen bestimmter Regionen erzeugt werden könnten.

3.3 Systematische Bestimmung der Risikolerner innerhalb sozialer Segmentierung

Aus den vorangegangenen Kapiteln kann man zusammenfassen, dass soziale Milieus oder soziale Segmente neben Einkommen, Beruf und sozialer Lage auch Werteorientierungen, Lebensführungsstile und Konsumverhalten fast jeglicher Art abbilden. Für soziale Mobilität und für die Frage nach Risikolernern sind das Alter und der Aktionsradius der Menschen darüber hinaus bedeutsam. So muss man mitbedenken, dass Jugendliche per se nicht auf der gesamten Landkarte der sozialen Milieus zu erwarten sind, sondern Jugend an sich bereits ein bestimmtes Muster der Lebensführung impliziert.

Ein Aspekt, der für die Milieubildung relevant ist, hier aber nicht aufgelöst werden kann, ist die Frage nach der Regionalität. Die Analyse der Mediennutzungsmuster ist bezogen auf Deutschland insgesamt. Die jeweils kurze Darstellung der gängigen Milieu- und Lebensstilmodelle in Kapitel 3.2.2 hat an mehreren Stellen gezeigt, dass die Unterscheidung von West- und Ostdeutschland hohe Relevanz für die Milieubildung hat, da die ökonomischen Ressourcen in den beiden Teilen Deutschlands unterschiedlich verteilt sind.

Diesen Zusammenhang verdeutlicht der Vergleich der Landkarte des Kaufkraftindex mit der Landkarte der Armut in Deutschland. Fast erwartungsgemäß sind die Ergebnisse gegenläufig. Die Kaufkraft im Westen ist im Durchschnitt weit größer als im Osten, die Ballungsgebiete in Westdeutschland haben eine große Kaufkraft und tendenziell weniger Armut. Besonders von Armut betroffen sind die dünn besiedelten, ländlichen Gebiete in Mecklenburg-Vorpommern.

Abbildung 19: GfK-Kaufkraftindex 2010 (links: GfK GeoMarketing, o. J.) vs. Armutsquote 2007 (rechts: Martens, 2009, S. 11)

 

3.3.1 Eine Vorauswertung: Bildungsbeteiligung der Risikolerner auf der Landkarte der sozialen Segmente

Die folgende Grafik verdeutlicht, welche Schul- und Bildungsabschlüsse die 14- bis 24-Jährigen der jeweiligen SIGMA-Segmente in Deutschland erworben haben. Die Daten lieferte die VerbraucherAnalyse 2007/2008 Klassik III Märkte (MDS online, 2008).

 

Grundgesamtheit und Sample-Größen

Die Grundgesamtheit für diese Vorauswertung sowie für die zentrale Analyse der Mediennutzungsdaten in Kapitel 4.2 sind die 14- bis 24-jährigen deutschsprachigen Jungen und Mädchen in Deutschland. In der MDS VerbraucherAnalyse 2007/08 Klassik III Märkte entspricht dies 4.373 Fällen und repräsentiert hochgerechnet 9.569.000 Menschen (entspricht 14,8 % der Menschen ab 14 Jahren in Deutschland). Da die Grundgesamtheit auf die deutschsprachige Bevölkerung bezogen ist, gibt es in Bezug auf die Frage nach dem Migrationshintergrund Abgrenzungsprobleme. Daher ist davon auszugehen, dass zu den Befragten auch Menschen mit Migrationshintergrund gehören.

In der aktuellen Version der Studie (2009 Klassik III Märkte) ist diese Zahl nur etwas niedriger mit hochgerechnet 9,3 Millionen Menschen und einem Anteil von 14,4 % an der Bevölkerung.

Die Daten beziehen sich auf den Schulabschluss bzw. Berufsausbildungsabschluss der Befragten, da die VerbraucherAnalyse den Schultypus, den die aktuellen Schüler besuchen, nicht weiter spezifiziert. Dieses Sample wurde gewählt, da eine Zählung der 14- bis 19-Jährigen sehr viele Schüler beinhalten würde und insofern zu wenig Personen, die bereits einen Schulabschluss haben. In der Konsequenz ist diese Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen auch die zentrale Grundgesamtheit der Analyse der Mediennutzungsdaten in Kapitel 4.2. Nicht nur, um ein möglichst großes Sample und damit genauere Ergebnisse zu erhalten, sondern auch in der Annahme, dass die etwas Älteren in dieser Gruppe (19 bis 24 Jahre) den Jüngeren in Bezug auf Lebensführung eine bedeutsame Orientierung bieten.

Die VerbraucherAnalyse ist derzeit die einzige Markt-Media-Studie, die Konsumdaten in Bezug auf soziale Milieus kostenlos zur Verfügung stellt. Damit stellt sie die zentrale Datenquelle für die Analyse der Mediennutzungsmuster der Risikolerner dar. Die Auswertung der Schul- und Bildungsabschlüsse stellt eine Vorauswertung dar.

 

Vorauswertung in Bezug auf Schulabschlüsse

Es geht einerseits um die konkrete Vorortung von Schulabschlüssen auf der Landkarte sozialer Milieus, da eine solche Konkretisierung bislang nicht existiert. Hierbei geht es auch um die Kontrolle, ob die Milieubildung tatsächlich mit Bildungsabschlüssen zusammenhängt. Diese Frage ist doppelbödig, da diese Vorauswertung zum einen als Bestätigung des Zusammenhangs zwischen Bildung und Milieu verstanden werden kann. Zum anderen verlaufen die Linien der Bildungsabschlüsse nicht klar und genau nach den Linien der Milieugrenzen, sondern zeigen auch, dass die unteren hedonistischen Bereiche Zugang zum Gymnasium haben und die mittleren Milieus durchaus die Hauptschule besuchen.

Die Auswertung fragt nach den Schulabschlüssen in den drei Kategorien Hauptschule, Mittlere Reife und Abitur. In der Kategorie Abitur sind das Fachabitur und die allgemeine Hochschulreife enthalten. Die Kategorie Mittlere Reife bzw. Realschulabschluss schließt aber Abitur aus. Die Kategorie Hauptschule konkretisiert nicht, ob die Hauptschule tatsächlich mit einem qualifizierten Abschluss beendet wurde. Der Anteil der Lehrlinge in einer Handwerksausbildung ist in dieser Grafik ebenfalls nicht weiter aufgeschlüsselt. Die sonst üblichen Überlappungen in der grafischen Darstellung sozialer Segmentierungen wurden hier gezielt vermieden, um absolute Anteile darstellen zu können. Die Zahlen in Klammern geben den Anteil der 14- bis 24-Jährigen in den jeweiligen Segmenten an der Grundgesamtheit der 14- bis 24-Jährigen an. Demnach sind nur 0,4 % der 14- bis 24-Jährigen, die nicht Schüler sind, Konsummaterialisten. Andererseits sind etwa ein Drittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen Hedonisten. Den traditionellen Segmenten (Etabliertes Milieu, Traditionelles bürgerliches Milieu und Traditionelles Arbeitermilieu) wurden keine Jugendlichen und jungen Erwachsenen zugeordnet.

Abbildung 20: Schul- und Bildungsabschlüsse nach SIGMA-Milieus (eigene Auswertung Rummler, 2009b, S. 257)

 

Die Grafik bestätigt die Ergebnisse von Michael Vester (2001, 2006a, 2006b), wonach im Konsum-materialistischen Milieu kaum andere Abschlüsse neben der Hauptschule zu finden sind. Der Zugang zu Abitur oder Hochschule ist in diesem Segment sehr selten. Je höher das soziale Segment liegt, desto häufiger haben die Befragten Abitur oder studieren. Fast die Hälfte der Hedonisten hat die Hauptschule besucht, über ein Drittel hat Mittlere Reife und fast 15 % haben Abitur oder studiert. In den mittleren Segmenten fällt auf, welch große Bedeutung die Realschule bzw. die Mittlere Reife für diese Segmente hat. Michael Vester hat die Bedeutung der Realschule für gerade diese Mittleren Segmente herausgestellt und mit der horizontalen Bildungsexpansion beschrieben (2006b, S. 40f). Für die Entwicklung der Hauptschule zwischen 1950 und 1989 betont er jedoch: „Die Kehrseite dieser Entwicklung liegt darin, dass die Hälfte der Kinder aus den einfachen Volksmilieus auf der Hauptschule verblieb, die nun weitgehend zur ‚Restschule‘ für Jugendliche mit geringen Berufschancen wurde. Die Gefahr, dass sich hier eine neue prekäre Unterklasse herausbildet, ist nicht einfach eine Folge selbstverschuldeter geringer Qualifikation“ (ebenda). Den Begriff der „Restschule“ als Beschreibung der Hauptschule vertritt auch der Bildungssoziologe und führende Bildungsempiriker des Deutschen PISA-Konsortiums Jürgen Baumert sehr deutlich. Die Realschule hat die Hauptschule vor allem in den neuen Bundesländern fast vollständig verdrängt. Die Hauptschule hat die niedrigste Bildungsbeteiligung der drei Schularten neben Realschule und Gymnasium. Baumert beschreibt die Bedeutung der Hauptschule als Ort, an dem sich „große Teile der Jugendlichen mit Misserfolgskarrieren und insbesondere wenig erfolgreiche Jugendliche aus Zuwandererfamilien“ treffen (Baumert & Weiß, 2002, S. 50).

Die PISA-Studien und die Bildungsberichte haben, wie zuvor beschrieben, auf den prekären Status der Hauptschule hingewiesen. Verortet man aber Hauptschule auf der Landkarte der sozialen Segmentierung, verdeutlicht dies, dass Bildungsbeteiligung mit alltagsästhetischer Orientierung zusammenhängt. Michael Vester hat dies in Bezug auf die gesellschaftlichen Veränderungen zwischen 1950 und 1989 bereits herausgestellt. Bemerkenswert ist aber, dass sich an der sozialen Lage des Hauptschulmilieus über die Jahrzehnte wenig verändert hat. Für die heutige Zeit (Jahr 2010) muss man allerdings auch betonen, dass die eigene Verortung der Individuen in einem sozialen Segment kein passives Zugeordnet-Werden, im Sinne einer Benachteiligung, ist. Die Wahl des eigenen Lebensstils, des eigenen Geschmacks, der alltagsästhetischen Präferenzen und Routinen, der politischen Vorstellungen usw. vollzieht sich auch aktiv. Man muss daher auch davon ausgehen, dass Eltern ihre Milieuzugehörigkeit nicht einfach an ihre Kinder weitergeben. Das große Segment der jugendlichen Hedonisten verdeutlicht dies. Methodologisch bemerkenswert ist, dass es erst anhand dieser Grafik gerechtfertigt ist, tatsächlich von einem Hauptschulmilieu zu sprechen, was zur Folge hat, dass Hauptschule möglicherweise selbst eine Art Lebensstil ist, der teilweise selbst gewählt ist.

3.3.2 Konkrete Auswertungstools und -quellen für die Analyse

Die Analyse der Mediennutzungsmuster der Risikolerner beruht zum auf der Identifikation der Risikolerner, wie sie in Kapitel 2 beschrieben ist. Sie beruht zudem auf der Auswertung der Studien, die mit weitem Bezug zu Risikolernern zur Verfügung stehen. Diese Analyse folgt in Kapitel 4.1, die Quellen hierfür wurden in Kapitel 3.1 beschrieben. Da diese Studien entlang ihrer eigenen Analysedimensionen argumentieren, wird auch die Auswertung dieser Studien diese Dimensionen jeweils aufgreifen und an ihnen entlang die Ergebnisse präsentieren.

Die Hauptlinie der Argumentation wird aber die Mediennutzung in Bezug auf die Schulart Hauptschule bzw. Gesamtschule und die Gender-Dimension Jungen sein.

 

Die Auswertung der Milieubeschreibungen in Kapitel 4.2 stellt die Lebenswelt der Risikolerner in den Vordergrund und wird entlang folgender Dimensionen argumentieren:

  • Demografie,

  • allgemeine Lebenswelt,

  • wichtige Dinge im Leben,

  • ökonomische Ressourcen,

  • Freizeitaktivitäten,

  • Bildungskarrieren, Annahmen über Lernen und Bildung,

  • Strategien des informellen Lernens,

  • Mediennutzung.

Diese Dimensionen ergaben sich in der explorativ-heuristischen Herangehensweise der Recherche dieser Literatur, es sind somit auch teilweise gängige Dimensionen der jeweiligen Studien. In dieser Perspektive ist die Einordnung des jeweiligen Milieus, das für Risikolerner relevant ist, in den demografischen Rahmen selbstverständlich. Dazu gehört auch eine Beschreibung der allgemeinen Lebenswelt und die damit zusammenhängenden Wertorientierungen des Milieus. Dies schließt die Dimension „wichtige Dinge im Leben“ ein. Eine bedeutsame Dimension für die Alltagsbewältigung und Lebensführung ist die milieuspezifische Herangehensweise an das Thema Geld und die Ausstattung mit ökonomischen Ressourcen. Die Dimension der Freizeitaktivitäten operationalisiert das milieuspezifische Aktionsniveau und den Aktionsradius, auch wenn an diese Dimension diverse Einschränkungen wie z. B. die Frage nach der Regionalität gebunden sind.

Schließlich liegen zu den Milieus umfangreiche Beschreibungen der jeweiligen Annahmen über Lernen und Bildung vor sowie Erzählungen der Befragten zu ihren Schulkarrieren, die für Risikolerner von großer Bedeutung sind. Es scheint dabei wesentlich, dass die Annahmen über Lernen und Bildung Teil alltagsästhetischer Schemata sind und damit inhärenter Bestandteil und Bestimmungselement der jeweiligen Milieus selbst. Interessant ist daran, dass Schulkarrieren und spezifische Lernerlebnisse der Befragten im Gegensatz zu den informellen Lernstrategien der jeweiligen Milieus stehen.

Die wesentlichen Quellen der Milieubeschreibungen sind:

Barz, H. (2000). Weiterbildung und Soziale Milieus. Augsburg: Ziel.

Barz, H., & Tippelt, R. (2004). Weiterbildung und soziale Milieus in Deutschland. Praxishandbuch Milieumarketing. DIE spezial (Bd. 1). Bielefeld: Bertelsmann.

Dannhardt, K., & Nowak, D. (2007). Sinus-Milieus. Lebensstil, Fernsehnutzung und Umgang mit neuer Kommunikationstechnologie. (SevenOne Media GmbH & Sinus Sociovision GmbH, Hrsg.). Unterföhring: SevenOne Media. Abgerufen von http://appz.sevenonemedia.de/download/publikationen/Sinus_2007.pdf

Flaig, B. B., Meyer, T., & Ueltzhöffer, J. (1993). Alltagsästhetik und politische Kultur. Praktische Demokratie. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH.

Liebenwein, S. (2008). Erziehung und soziale Milieus. Elterliche Erziehungsstile in milieuspezifischer Differenzierung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Merkle, T., & Wippermann, C. (2008). Eltern unter Druck: Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten. (C. Henry-Huthmacher & M. Borchard, Hrsg.). Stuttgart: Lucius & Lucius.

Sinus Sociovision GmbH (Hrsg.). (2007). Migranten-Milieus. Qualitative Untersuchung der Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Unveröffentlichter Basisbericht. Heidelberg: Sinus Sociovision. Abgerufen von Kurzfassung: http://www.sinus-sociovision.de/Download/Report_Migranten-Milieus_16102007_Auszug.pdf

Tippelt, R., Eckert, T., & Barz, H. (1996). Markt und integrative Weiterbildung. Zur Differenzierung von Weiterbildungsanbietern und Weiterbildungsinteressen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Tippelt, R., Reich, J., von Hippel, A., Barz, H., & Baum, D. (2008). Weiterbildung und soziale Milieus in Deutschland. DIE spezial (Bd. 3). Bielefeld: Bertelsmann.

Tippelt, R., Weiland, M., Panyr, S., & Barz, H. (2003). Weiterbildung, Lebensstil und soziale Lage in einer Metropole. Theorie und Praxis der Weiterbildung. Bielefeld: Bertelsmann. Abgerufen von http://www.die-bonn.de/doks/tippelt0301.pdf

Vester, M. (2001). Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Wippermann, C., & Calmbach, M. (2008). Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27. (BDKJ & MISEREOR, Hrsg.). Verlag Haus Altenberg; MVG Medienproduktion.

Wippermann, C., Zarcos-Lamolda, A., & Krafeld, F. J. (2002). Auf der Suche nach Thrill und Geborgenheit. Lebenswelten rechtsradikaler Jugendlicher und neue pädagogische Perspektiven. (Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz e. V, Hrsg.). Opladen: Leske + Budrich.

Für die Auswertung der Konsumdaten in Kapitel 4.2 sind die MDS VerbraucherAnalysen der Jahre 2007/2008 bis 2009 die Grundlage. Sie liefern Konsumdaten in Bezug auf die SIGMA-Milieus und sind im Internet kostenlos abrufbar. Die Fülle der Kategorien, die diese Studien liefern, ist hier nur in einer sehr reduzierten Form relevant. Das bedeutet eine Reduktion der Kategorien und Ausprägungen auf Variablen, die für die Mediennutzung und Alltagsgestaltung bedeutsam erscheinen. Aus dieser Reduktion entstehen folgende Dimensionen der Auswertung:

  • Kinder- und Jugendbücher, Hörbücher und Zeitungen sowie Musik und DVDs,

  • Fernsehen,

  • Computer- und Internetnutzung, online und offline,

  • Handynutzung,

  • Gaming (vor allem mit portablen Spielkonsolen).

Folgende Codes und Variablen werden dafür aus der VerbraucherAnalyse im Wesentlichen verwendet:

In Bezug auf Handynutzung:

  • Persönlicher Handy-Besitz,

  • Abrechnungsart der monatlich anfallenden Handykosten,

  • Nutzungshäufigkeit des vorhandenen Handys,

  • Marke des vorhandenen Handys,

  • durchschnittliche private Handy-Kosten pro Monat (Prepaid oder gegen Gebührenrechnung),

  • mit dem Handy genutzte Dienste und Anwendungen.

PC-Nutzung (offline):

  • Persönliche Nutzung des im Haushalt vorhandenen Personal Computers,

  • Nutzungshäufigkeit des im Haushalt vorhandenen Personal Computers,

  • Nutzungsbereiche am im Haushalt (am häufigsten) genutzten Personal Computer.

Internetnutzung:

  • Internetnutzung: online mit anderen Nutzern spielen,

  • Nutzung des Internets oder des World Wide Webs in den letzten 12 Monaten (zu Hause, am Arbeits-/Ausbildungsplatz, in der Schule/Hochschule, bei Freunden oder Bekannten, woanders),

  • Internet: Informationssuche im Internet zu bestimmten Themen,

  • neu in 2009: aktive Teilnahme am Web 2.0 (eigene Inhalte im Internet einbringen).

Lesen:

  • Kauf von Büchern ab 5 Euro in den letzten 12 Monaten,

  • Kauf von Hörbüchern (CD/MC) in den letzten 12 Monaten.

Besitz von Unterhaltungselektronik:

  • Geräte der Unterhaltungselektronik: Besitz im Haushalt (nur MP3-Player),

  • Besitz von Elektronikspielgeräten.

Die Kategorien und erhobenen Variablen werden durch die federführende Forschungsgruppe mit dem Erscheinen neuer Technologie weiterentwickelt. Dies wird z. B. an der Aufnahme des iPhone in den Itempool im Jahr 2009 deutlich. Eine Batterie an Fragen zur aktiven Beteiligung am Web 2.0 mittels Notebooks, Smartphones und PDAs war z. B. im Jahr 2007/2008 nur in der Kategorie der beruflichen Handynutzung und ist nun auch ein angenommener Teil der privaten Nutzung.

Einschränkend sei hier angemerkt, dass das Thema Musiknutzung und Aneignung von Musik aus forschungsökonomischen Gründen nur beiläufig bearbeitet werden kann. Ein zentrales Ergebnis der Analyse der Mediennutzung Jugendlicher ist, dass Musik eine höchst bedeutsame Dimension im Alltag und in der Sozialisation Jugendlicher ist sowie in Bezug auf die Alltagsästhetik Jugendlicher ein bedeutsames Mittel der Distinktion und des Zusammenfindens. Dem Thema Musik müsste daher eine wesentlich größere Aufmerksamkeit geschenkt werden, dem kann aber an dieser Stelle aufgrund der breiten Anlage dieser Studie nicht genügend Rechnung getragen werden.